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MIT DEM ERSTEN "TANGO" ZUR MODERNISIERTEN BAHN

Es ist schon dunkel. Endlich kommt der Tieflader um die Ecke gebogen. Ein Begleitauto mit blinkenden Lichtern kündigt die Ankunft des «Tangos» an, dann fährt der Schwertransporter in die Bahnhofstrasse St. Gallen ein. Der «Tango» ist der erste von elf neuen Zügen der Appenzeller Bahnen. Mit 2,4 Meter Breite ist er eine Mischung aus Tram und Zug, gebaut für die neu durchgängige Linie Trogen-St. Gallen-Appenzell. Die Doppelspur im Linsenbühl und an der Speicherstrasse lässt kein breiteres Bahnmodell zu. Das erklärt Adrian Wetter, Leiter Projekte Rollmaterial. Er ist vertraut mit Details und Vorgaben, die es zu berücksichtigen galt, noch bevor die beauftragte Stadler Rail in Bussnang anfangen konnte, die Fahrzeuge nach Mass zu bauen. 133 Sitzplätze in der 2. Klasse plus 12 Sitzplätze in der 1. Klasse bietet der moderne Zug. Was Passagiere nicht sehen, aber vielleicht spüren, ist die starke Motorisierung des «Tangos». «Ohne die vier angetriebenen Drehgestelle hätte er keine Chance im steilen Gelände des Ruckhaldetunnels und auch nicht in der Steigung von St. Gallen nach Speicher», betont Adrian Wetter. An diesem Abend am Hauptbahnhof St. Gallen steht der Projektleiter zufrieden zwischen seinen Arbeitskollegen. Auf den letzten Drücker wurde ihm die pünktliche Lieferung bestätigt. Wetter war selber 14 Jahre lang bei Stadler Rail tätig, heute steht er für die Appenzeller Bahnen auf der Seite des Kunden. Routiniert bereiten die Männer von Stadler das Hinunterrollen des «Tangos» auf die Schiene vor. Es dauert eineinhalb Stunden, bis auf der Zugstirne «Testfahrt» aufblinkt. Händeklatschen in den Zuschauerreihen. Lokführerin Carmen Sieber steigt ins Cockpit und los geht’s für die Jungfernfahrt nach Speicher. Die ersten Meter sind der Auftakt zu einer langen Testreihe, die jeder neue Zug absolvieren wird. «Die Geschwindigkeit, die Bremswege, die Türsteuerung, die Lautsprecherdurchsagen und vieles mehr müssen auf Herz und Nieren geprüft sein, bevor der ‹Tango› vom Bundesamt für Verkehr (BAV) zugelassen wird und den regulären Betrieb aufnehmen kann», sagt Adrian Wetter. Als besonders herausfordernd nennt er die Einstellung der Sensoren für die Klimaanlage: «Heisse Füsse und kalte Ohren, alle kennen es, niemand will es. Das Klima im Zug gilt neben den Farben der Sitze als der meistdiskutierte Punkt unter den Passagieren.»

Alle paar Wochen wird nun ein weiteres Fahrzeug für die Appenzeller Bahnen eintreffen und in den Testbetrieb aufgenommen. Nebst den elf Fahrzeugen für die Linie Appenzell-St. Gallen-Trogen sind es fünf weitere, aber andere Zugmodelle für die Linie Gossau-Appenzell-Wasserauen. Systemingenieure von Stadler Rail sind in den nächsten Wochen und Monaten als Inbetriebsetzer im impro- visierten Büro vor Ort. Auf den Linien Gossau - Appenzell - Wasserauen, St. Gallen-Trogen und Teufen-Appenzell sollen die neuen Fahrzeuge ab August unterwegs sein. Mit der offiziellen Eröffnung des Ruckhaldetunnels am 6. Oktober, verkehren die Züge über die Neubaustrecke — mit Adhäsionsantrieb bei einem maximalen Gefälle von 80 Promille. Ab Februar 2019 brauchen Fahrgäste aus Appenzell in St. Gallen dank neuem Durchbindungsbetrieb beim AB-Bahnhof St. Gallen nicht mehr umzusteigen, wenn sie Richtung Stadtzentrum oder bis Speicher-Trogen weiterfahren wollen. Bequem sitzend erreichen sie das Ziel ohne Umsteigen, und das mit verkürzter Fahrzeit einige Minuten schneller als bisher. Ab dann fahren die Züge zwischen Teufen und Trogen zu den Hauptverkehrszeiten im Viertelstundentakt. Der schnellere Takt ist ein wesentlicher Punkt im Modernisierungsprogramm der Appenzeller Bahnen. Das betont auch Dani Mattle gern. Der Teamleiter der Betriebszentrale hat ungezählte Stunden über Fahrplänen gebrütet. Speziell hoch sind die Anforderungen für ihn und sein Team jetzt in der heissen Bauphase. Auf seinem Tisch in der Betriebszentrale liegt ein dickes Dossier. Darin aufgeführt sind sämtliche Vorkehrungen betreffend der heiklen Schnittstellen zwischen Zug-Testbetrieb, Bauarbeiten Infrastruktur und Sicherstellung des Bahnbetriebs. «Die Bedürfnisse des Fahrplans hatten Vorrang bei der Planung der Streckensperrungen», erklärt er. Mit seinem Team ist er verantwortlich, dass es neben der Schiene mit den Postautos als Bahnersatz klappt. «Wir freuen uns sehr auf die Tests mit den neuen Fahrzeugen, und sind gespannt auf die Ergebnisse der Beschleunigungs- und Bremsversuche. Die theoretisch errechneten Werte, die auch im Fahrplan hinterlegt sind, werden jetzt hoffentlich durch die Tests bestätigt», sagt Dani Mattle. In einer wöchentlichen Telefonkonferenz werden Dani Mattle und Adrian Wetter anstehende Aufgaben wie Fahrzeugtests und Sperrungen für diese Fahrzeugtests über Nacht absprechen. Nach der Genehmigung der beiden Teilprojekte «Neubaustrecke Ruckhalde» und «Ausbau AB-Bahnhof St. Gallen» durch das Bundesamt für Verkehr, wurde 2016 und 2017 an den wichtigsten Infrastrukturprojekten im Rahmen der Modernisierung gebaut. Unter Betrieb der alten Zahnradstrecke wurde der Ruckhaldetunnel ausgebrochen und bis Mitte März 2018 im Rohbau fertigestellt. Die neuen Perronanlagen des AB-Bahnhofs St. Gallen wurden Ende 2016 provisorisch in Betrieb genommen. Nun müssen während dem sechsmonatigen Streckenunterbruch zwischen St.Gallen und Teufen bis 6. Oktober viele Bauarbeiten realisiert werden. Dazu gehört der Brückenbau bei der Oberstrasse, eine neue Wanne unter der Vonwilbrücke, eine Stützmauer im Riethüsli, die Erneuerungen bei den Kreuzungsstellen Liebegg und Lustmühle sowie der Bau von drei Haltestellen. Für Stefan Dörig, Projektleiter des Bereichs Infrastrukur, bedeuteten die letzten fünf Jahre den Höhepunkt seiner Bauingenieur-Laufbahn, bevor er 2020 pensioniert wird. Die angekündigte Modernisierung war für ihn der Grund, von einem privaten Ingenieurbüro zum Bahnunternehmen AB zu wechseln. «Alle Teilprojekte, dazu gehören auch die Fahrleitungs- und Sicherungsanlagen mit neuem elektronischen Stellwerk, müssen zwingend bis zum Beginn des Testbetriebs Anfang September abgeschlossen und betriebsbereit sein. Das Bauprogramm ist gut koordiniert, aber ausgereizt und verlangt eine gute Koorperation aller Beteiligten», zeigt sich Stefan Dörig zuversichtlich. Zu den Aufgaben der Abteilung Infrastruktur gehört auch der Rückbau der alten Zahnradstrecke. Damit ist die mit 30 Meter Radius engste Zahnradkurve Europas Geschichte. Zahlreich nahmen Bahnfans am Ostermontag die letzte Gelegenheit wahr, die Ruckhaldekurve nach 129 Betriebsjahren noch einmal zu befahren. Getauscht wird die Zahnstange gegen günstigeres Rollmaterial, eine kürzere Fahrzeit und die Möglichkeit, einen Viertelstundentakt zu fahren. Auf Verständnis hoffen die Projektleiter Infrastruktur, Rollmaterial und Betrieb seitens der Bahnreisenden. Die Passagiere müssen während der Streckensperrungen mit Unannehmlichkeiten rechnen und auf Bahnersatzbusse umsteigen. Zu Verzögerungen im dichten Berufsverkehr auf der Strasse dürfte es nach Dani Mattles Einschätzung regelmässig kommen. «In der Planung wurde darum für den Bus extra mehr Fahrzeit eingerechnet. Vielleicht wird so manchen bewusst, dass es sich mit verkürzter Fahrzeit und Viertelstundentakt doppelt lohnt, auf die Bahn umzusteigen», hofft er. Als schwierig zu organisieren bezeichnet Dani Mattle die Einsatzplanung für die Lokführer während der Bauphase und ab Dezember 2018. Beim Planen vom Bahnersatzdienst ist die Betriebszentrale für Sonderaufgaben zuständig wie einrichten provisorischer Haltestellen, Ticketautomaten aufstellen, und an turbulenten Tagen Zugpersonal aufbieten, das Fahrgästen Orientierungshilfe bietet. Auch wenn es eine herausfordernde Zeit werde, sieht Dani Mattle nur Vorteile darin, in einem Rutsch sowohl Infrastruktur wie Fahrzeuge zu erneuern. Er spürt schon heute eine grosse Freude, bei diesem wichtigen Bahn-Modernisierungsprojekt in der Ostschweiz an vorderster Front mitgewirkt zu haben.

AUSSTELLUNG RUCKHALDEKURVE UND ERÖFFNUNGSFEIER
Das Museum Appenzeller Bahnen unmittelbar beim BahnhofWasserauen widmet seine aktuelle Ausstellung der Geschichte der Ruckhaldekurve – der engsten Meterspur-Kurve Europas von ihrer Entstehung bis zu ihrem Verschwinden. Die Ausstellung dauert bis Ende Oktober und ist Samstag und Sonntag von 11 bis 17 Uhr geöffnet. www.bahnmuseum-appenzell.ch Reservieren Sie sich den Samstag, 6. Oktober! An diesem Tag ist der sechsmonatige Streckenunterbruch zwischen St. Gallen und Teufen vorüber, und wir möchten mit Ihnen die Eröffnung der neuen Strecke durch den Ruckhaldetunnel feiern. Alle Streckenunterbrüche finden Sie unter appenzellerbahnen.ch/betriebslage.

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